Mittwoch, 20. November 2013

Fundstücke

Meine Begeisterung für Second Hand Läden kennt Ihr ja nun schon. Dass diese Begeisterung bisweilen die Ausmaße einer Obsession annehmen kann, will ich nicht leugnen. Aber fangen wir doch von vorn an...
...Second Hand Läden - hier heißen sie Thrift Shop oder Goodwill - bergen, (anders als in Deutschland, wo sie mich kaum interessierten) bisweilen wahre Schätze, von denen ich Euch im Folgenden einige vorstellen will.
Pure Neugier lockte mich anfangs ins Reich der Gebrauchtwaren. Ich hatte nichts Spezielles im Sinn und schaute mich mal um, was die Landsleute hier so gebraucht ablegen. 
Altes Silberbesteck mit ganz unterschiedlichen Mustern kann man wunderschön wieder neu zusammenwürfeln. Und besonders elegant mit ganz schlicht weißem Porzellan in Szene setzen. 
In Pauls Pariser Wohnung habe ich mich in diese Porzellanblüten verliebt. Damals wollte ich sie einfach einpacken und nach Amerika mitnehmen. Das ist natürlich an Pauls Moralempfinden gescheitert. Obwohl ich immer noch fest der Meinung bin, dass sie dort niemandem gefehlt hätten. 
Immer mal finde ich eine dieser Blütenschalen. Dann wieder wochenlang keine. Aber ich habe ja keine Eile - und doch schon stapelweise Porzellanblüten in verschiedenen Größen.
Mein Repertoire an Second Hand Läden im Raum SF umfasst mittlerweile 3 Läden im Mission District, jeweils einen Laden in Santa Clara, Sunnyvale, Mountain View, Pescadero, Santa Cruz, Pacifica und Half Moon Bay.
Schon seit Monaten träume ich von einem emaillierten, gusseisernen Schmortopf. Für auf den Herd und in den Ofen. Exemplare von Le Creuset und Staubs Cocotte rangieren in mir unerschwinglichen Preiskategorien. Und dann fand ich an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden gleich zwei Prachtstücke.
Der eine hatte seinen Originaldeckel, zum anderen fand ich kurioserweise gleich einen passenden gelben. Fast gefallen mir diese von der Form her besser als die so gehypten von Le Creuset. Die Henkel sind wirklich originell und den Deckel kann man gleich als Untersetzer benutzen.
Während ich einfach Spass am Bummeln habe, mich treiben lasse - neugierig, was das Schicksal mir in die Hände treibt - sind die meisten Thriftshop Klienten, in Deutschland wären es Sozialhilfeempfänger, tatsächlich auf der Suche nach Alltagsgegenständen, die sie sich neu nicht leisten könnten.
Bald jedoch war ich dann ganz gezielt auf der Pirsch im Trödeldschungel. Vielleicht als Reaktion auf die amerikanische, fast schon zwanghafte Konsumkultur. Sich ganz zu immunisieren gegen den Kaufkult, das gelingt mir nicht. 
Indem ich jedoch meine Kauflust auf Gebrauchtes richte, muss ich kein schlechtes Gewissen haben und keine Angst vor Fehlkäufen. Verliert das Gekaufte seine Faszination doch irgendwie, dann bringe ich es einfach wieder zurück und helfe damit denen, die es nötig haben. Ein finanzielles Fiasko droht einem ja kaum, bei durchschnittlichen Preisen um die 2 Dollar.
Die Idee des Recycling fasziniert mich sowieso. Da ist der Aspekt des bereits  Erprobten und Bewährten.
Außerdem reizt mich das Zufällige oder gar Schicksalhafte dieser Orte. Nie weiß man, was einen erwartet. Es gibt kein festes Angebot und keine Lieferfristen. Trotzdem meine ich, merkwürdige Muster  zu entdecken. Da habe ich beispielsweise einen Monat lang überall Goldrahmen in einer bestimmten Größe gefunden. Jetzt sehe ich sie nirgends mehr. Wahrscheinlich hängen alle im Raum San Francisco abgelegten Goldrahmen jetzt in meiner Küche.
Irgendwie eine seltsame Dialektik von Aleatorik (sich treiben lassen und etw. zugetrieben bekommen) und Absicht (sammeln von Gleichem oder Ähnlichem).
ehemals Drahtkorb - nun Lampenschirm
Mich reizt das Unerwartete, das Unsortierte, das Entkontextualisierte, aufgrund des Potentials, in neuer Funktion oder in neuer Zusammenstellung zum Überraschenden, Originellen und Besonderen zu werden.

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