Freitag, 5. Oktober 2012

walk the (fault) line

Das Schlafzimmer ist fast komplett - fehlen noch Bilder an den Wänden. Paul und ich waren uns einig, dass die große Schwarz-Weiß-Fotografie, die schon in Freiburg meine Wand zierte - Ansel Adams "Half Dome" - perfekt in unser Schlafzimmer passen würde.
Reminiszenz an den Schnee von gestern
Wohin? Übers Bett, wohin sonst! Ich hatte mich schon mit Hammer und Nagel ausgerüstet und wollte zur Tat schreiten, da kam Pauls Einwand...
Alles Überreden, Süßholz-Raspeln und Flehen nützte nichts, Paul blieb hart. Nur unter der Bedingung,  dass wir jeden Abend behelmt  schlafen gingen, könne er dem Half Dome den Platz über unserem Bett einräumen. Und warum? 

Nun, um es mal ganz lakonisch auszudrücken: Wo wir wohnen, bebt gelegentlich die Erde. Es treffen hier nämlich nicht nur verschiedene Kulturen und Lebenskonzepte, sondern auch drei tektonische Platten aufeinander - wobei in diesem Fall ausnahmsweise das Zusammentreffen der Naturkräfte sich meist zerstörerischer gestaltet, als das der Menschen. Naja, mit den Einzelheiten haben wir uns ja ausgiebig in Erdkunde beschäftigt. Damit genug der Theorie.

Aber was bedeutet das ganz konkret für unseren kalifornischen Alltag? Es muss halt alles "erdbebensicher" sein. Das heißt, die Gebäude sind nur in Ausnahmefällen höher als ein, seltener zwei bis drei Stockwerke. Die Architektur selbst weist "Erdbeben-Features" auf, z.B. fehlende Türen, die weder ein Sympton von Kommunikationsbereitschaft noch von Finanznot sind. Und in allen Seminar-Räumen der Uni hängen diese Verhaltensanweisungen aus:
English for run-aways: earthquake = die Erdkröte :-)
Also gut. Wenn alles anfängt zu schaukeln, ohne dass wir uns übermäßigen Alkoholkonsum vorwerfen können, so werfen wir uns auf den Boden, kriechen unter herumstehende Möbel und klammern uns an diesen fest. Und bei uns daheim? Auch da haben wir schon Vorkehrungen getroffen:
die Brüder Abbyad in schwindeliger Höhe im Einsatz
Hier sind Profis am Werk!
Initiative zur Förderung...
...handwerklichen Talents bei Akademikern
Sollten unsere Regale umfallen, dann nur zusammen mit der Wand, an die sie befestigt sind! Und dann haben wir vielleicht sowieso andere Sorgen, als die Bücher wieder einzusortieren...Während der Einführungstage haben alle in Santa Clara neu eingestellten Profs dieses Merkblatt ausgeteilt bekommen:
Vorkehrungen für den Ernstfall
Das klingt nun fast schon etwas furchterregend! Nun, ernst nehmen sollte man das Thema auf jeden Fall. Das heißt jedoch beileibe nicht, dass man hier in Angst und Schrecken lebt. Die San Jose Earthquakes, das lokale Fußballteam, das hier gleich 500m Meter um die Ecke sein Stadium hat, ist in der Landesliga immer ganz vorn mit dabei. Vom Potenzial her macht es somit seinem Namen alle Ehre. Darüber hinaus gibt es aber noch andere Zusammenhänge zwischen sportlichen und seismischen Aktivitäten in der Region. So fiel der Zeitpunkt des letzten große Bebens von 1989 mit dem des Endspiels der Baseball Liga zusammen, in dem sich zufällig auch noch zwei Teams aus der Region gegenüberstanden. Dies führte erstens dazu, dass man das Beben damals live im Fernsehen übertragen konnte und zweitens, dass selbiges vergleichsweise wenige Opfer forderte, da die meisten Bewohner der Bay Area diesen Tag daheim vor dem Fernseher verbrachten und sich beispielsweise nicht auf einer der Autobahnbrücken befanden, die infolge des Bebens einstürzten.

Ja, irgendwie ist das schon eine Gradwanderung hier, am Rand des San Andreas-Grabens. Und der Half Dome? Der erhebt sich nun eben überm Schreibtisch. Wer da sitz, sollte eigentlich nicht schlafen und dementsprechend ausweichen können, im Falle eines erbebenbedingten Falles.

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